Die Blume und der Kolibri
Es war einmal eine kleine Blume- und wer sich selbst kennt, weiß, was ich
meine- also: es war einmal eine kleine Blume, die stand einsam mitten in einer
Wüste aus Stein und Sand.
Täglich wartete sie auf einen Regentropfen. Immer hatte man ihr erzählt, wie
wichtig und schön und lebensnotwendig der Regen sei. Doch wenn es wirklich mal
nach Regen roch, kamen die Geier, breiteten die Flügel aus und hielten die
wenigen Tropfen von der kleinen Blume ab.
Nur mit Mühe hielt sich die kleine Blume im lockeren trocknen Boden und hatte
einfach Angst, Angst vor der engenden Hitze, dem nächste Sandsturm und der
Einsamkeit.
Ein Kolibri, der kleinste der Vögel, sah ihre Traurigkeit und erzählte den
anderen Tieren davon. Der brüllende Löwe hatte gar kein Interesse: für ihn
zählte nur, wer stark ist. Auch die Schlange blieb kalt, hob nur kurz den
Kopf, sie rührte nichts, Und der flinke Wüstenfuchs, der immer neugierig die
neuesten Nachrichten verbreitete, hatte wirklich keine Zeit, weil er etwas
viel Interessanteres vorhatte.
Da war der Kolibri verzweifelt; denn was sollte er- ausgerechnet der Kleinste-
jetzt für die Blume tun? Es durfte doch nicht sein, dass alle sich drückten!
Da schwirrte er zu den Ameisen und berichtete ihnen von der großen Traurigkeit
der Blume. Ohne zu zögern bildeten die kleinen Tiere eine lange Kette,
schleppten Samen und Früchte bis an die Wurzeln der Blume, trugen mühsam
Tautropfen auf ihrem Rücken und begossen alles damit. Es dauerte nicht lange,
da wuchs reiches und buntes Leben in der Wüste. Und die kleine Blume
entwickelte einen strahlenden Glanz, den ihr niemand zugetraut hatte. – und
alles war nur möglich geworden, weil der Kolibri die Ameisen benachrichtigt
hatte.